Epilog


27.05.03 ff

Der Ozean unter der roten hohen Sonne war schwärzer als jemals.
Rostfarbener Nebel verschmolz seine Grenzlinien mit dem Himmel.
Dieser Tag war ausnehmend schwül,
so,
als verhieße er
eines jener ungemein seltenen und unvorstellbar heftigen Gewitter,
die einige Male im Jahr den Planeten heimsuchen.
Es bestehen Grundlagen zu der Annahme,
sein einziger Bewohner kontrolliere das Klima
und führe diese Entladungen selbst herbei.

Stanislaw Lem

isaiah@all:

Mind::System








EREBUS & TERROR





KRIEGE

[4](26.05.03): Ein US-Soldat wird in Afghanistan beim Angriff auf einen Militärkonvoi getötet.
[5]: In Brandenburg gestehen drei Jugendliche den Foltermord an einem 16-Jährigen.
[6]: Im indischen Teil Kashmirs stirbt eine 5-köpfige muslimische Familie, darunter drei Kinder zwischen 5 - 13 Jahren, bei einem Angriff von Separatisten auf ein abgelegenes Dorf im Distrikt Rajouri. Bei einem ähnlichen Vorfall der vergangenen Woche starben 4 Frauen und zwei Kinder. Vier weitere Menschen, drei Militante und ein Polizist, fallen in einem Gefecht an der indisch-pakistanischen Grenze.

[9](27.05.03): Bei drei separaten Überfällen am Montag wurden im Irak zwei US-Soldaten getötet und neun weitere verletzt, auch zwei der irakischen Angreifer starben. Eine irakische Frau wurde erschossen, als sie sich einem Posten mit Handgranaten näherte.
[14]: Ein palästinensischer Junge, der vergangene Woche nahe Jenin angeschossen wurde, erlag heute in Nablus seinen Verletzungen.

[15](28.05.03): Die derzeitigen Auseinandersetzungen zwischen den Lendu und Hema im Ost-Kongo forderten, seit der artifiziellen Verschärfung ihrer latenten Stammeskonflikte durch Uganda und Ruanda aufgrund deren Okkupationsinteressen an den reichen Rohstoffvorkommen in dieser Region, bis jetzt 60.000 Menschenleben (nach Quellen von ai). Auf der Flucht sind im Grenzgebiet zu Ruanda und Uganda weitere 500.000 Menschen.

[18](29.05.03): Ein ISAF-Fahrzeug der Deutschen fährt in Afghanistan auf eine Mine: ein Toter, ein Verletzter.
[19]: In Kashmir kam es zu heftigen Kämpfen zwischen Rebellen und indischen Regierungstruppen mit 15 Toten.
[20]: In der indonesischen Aceh-Provinz starben infolge der seit 34 Tagen andauernden Kämpfe bisher mehr als 170 Zivilisten. Mehr als 21.000 sind auf der Flucht.
[21]: Israelische Truppen erschossen zwei Palästinenser in Jenin und im Gaza-Streifen.

[23](30.05.03): Bei einem Anschlag auf einen Verkehrsbus sterben in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny drei Menschen, viele weitere werden verletzt.
[25]: Die deutsche Regierung bekräftigt und verteidigt die völkerrechtswidrige Annexion Tibets durch die Volksrepublik China gegenüber dem 14. und vermutlich letzten Dalai Lama - dem "Ozean der Weisheit" und "Buddha des Mitgefühls".
[26]: Durch einen Bombenanschlag der ETA sterben in der spanischen Provinz Navarra drei Menschen, zwei weitere werden schwer verletzt.
[27]: Die "Koalition der Willigen" einigt sich 30 Tage nach Ende der Hauptkampfhandlungen auf einen Kriegsgrund für den Irak-Krieg: die Entlastung Saudi-Arabiens von der eigenen Anwesenheit.

[28](07.06.03): Gegen 5:50 Uhr MESZ verlässt in Kabul ein Konvoi der ISAF das deutsche Hauptquartier. Wenig später explodiert das Taxi eines Selbstmordattentäters neben einem Bus des Konvois und tötet 4 deutsche ISAF-Soldaten und verletzt 29 weitere z. T. schwer.

[30](11.06.03): Bei einem Selbstmordanschlag auf einen Bus in Jerusalem und einem darauf folgenden Raketenangriff auf Gaza-Stadt kommen im Nahen Osten 25 Menschen ums Leben.
Insgesamt starben aufgrund der Anschläge und Gegenanschläge 60 Menschen allein in der vergangenen Woche.

[32](13.06.03): In Monrovia starben infolge der Kämpfe der vergangenen Wochen mehr als 400 Menschen.
[33]: Im Irak kamen nordwestlich von Bagdads bei der Aushebung sogenannter Terroristencamps ca. 100 Menschen ums Leben.

[34](15.06.03): In Saudi-Arabien sterben während eines Anti-Terror-Einsatzes 10 Menschen, fünf Aufständische und fünf Sicherheitskräfte.

[38](24.06.03): Nahe Amara nördlich von Basra sterben sechs britische Militärpolizisten in einem Hinterhalt, acht weitere werden verletzt, zwei davon schwer, als ihr Helikopter vom Typ Chinook angegriffen wird, der einem in Kämpfe verwickelten Zug von Fallschirmjägern zuhilfekommt.

[39](25.06.03): Die Kämpfe in Liberia flammen wieder auf, Guerillaeinheiten besetzen eine wichtige Brücke der Hauptstadt Monrovia.

[40](27.06.03): Demonstranten legten aus Protest die Leichen von Kindern vor der US-Botschaft in Monrovia nieder, um die Vereinigten Staaten zum Eingreifen zu bewegen. Infolge der jüngsten Kämpfe sollen bisher 300 Menschen getötet und 1000 weitere verletzt worden sein.

[43](01.07.03): Bei einem Angriff mit panzerbrechenden Waffen im Zentrum von Bagdad werden drei US-Soldaten und ihr irakischer Begleiter getötet.
[44]: Bei der Explosion in einer Moschee von Falludscha sterben acht Irakis. Je nach Quelle hat es sich um einen amerikanischen Raketenangriff gehandelt oder ein Munitionsdepot inmitten der Moschee ist aus unbekannten Gründen detoniert.
[45]: Während eines Generalstreiks in Nigeria kamen vier Streikende bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften ums Leben.
[46]: Nachdem sich alle palästinensischen Terrororganisationen auf einen Waffenstillstand einigten, wird die Schihab-al-Din-Moschee in Nazareth von israelischen Bulldozern zerstört, die ungenehmigt im christlichen Viertel neben der Verkündungsbasilika errichtet worden war und auch dem Vatikan mißfallen hatte. Ein interessantes Beispiel wie drei Weltreligionen um ein Lagerfeuer sitzen und Handgranaten hineinwerfen, damit sich auch wirklich niemand daran wärmen kann.

[48](04.07.03): Durch einen irakischen Angriff in der vergangenen Nacht wird ein US-Soldat von einem Scharfschützen getötet. In einem weiteren Vorfall werden 18 amerikanische Soldaten verletzt. Es mag fast scheinen, dass im Irak eine Uhr des Krieges tickt mit erstaunlicher Präzession.
[49]: Infolge eines amerikanischen Gegenangriffs sterben 11 Irakis, bei der Attacke auf eine Konvoi nördlich von Bagdad.
[50]: In der Balochistan Provinz nahe der pakistanischen Stadt Quetta sterben mindestens 53 Shia-Pilger in einer Moschee bei einem Angriff von Militanten.

[51](05.07.03): In der Stadt Ramadi, ca 100 km westlich von Bagdad, sterben sieben Polizisten, weitere 50 werden verletzt, infolge eines Bombenanschlags auf eine amerikanische Ausbildungsstation für Polizisten.
[52]: In der thailändischen Pattani-Provinz sterben fünf Polizisten und ein Dorfbewohner beim Angriff von Bewaffneten auf drei Polizeistationen.
[53]: Bei zwei Selbstmordanschlägen auf ein Rockkonzert, ausgeführt von zwei Tschetscheninnen nahe Moskau, sterben 17 Menschen, viele weitere werden verletzt.

[56](06.07.03): Ein britischer Journalist wird in Bagdad erschossen.

[57](07.07.03): In den letzten 24 Stunden starben im Irak drei US-Soldaten, vier weitere wurden verletzt. Auch ein irakischer Angreifer kam ums Leben.

[61](10.07.03): Zwei weitere Soldaten werden im Irak getötet.

[62](13.07.03): In Grosny geraten neun russische Soldaten in einen tschetschenischen Hinterhalt und sterben.
[64]: Im zentralafrikanischen Burundi werden bei Kämpfen von Hutu-Rebellen und Tutsi-Armeeangehörigen in der Hauptstadt Burumbura 174 Menschen getötet, viele weitere werden verletzt oder befinden sich auf der Flucht.
[65]: Die iranisch-kanadische Fotojournalistin Kasemi stirbt in iranischer Haft nachdem sie vorher ins Koma geschlagen oder getreten wurde.

SEUCHEN

[2](26.05.03): Die Gesamtzahl der AIDS-Toten beträgt 7 Mio. seit Ausbruch der HIV-Seuche in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, weitere 30 Mio. sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nachweislich infiziert, die Dunkelziffer liegt vermutlich höher.
[3]: In diesem Jahr starben bereits 400.000 Menschen an Malaria.
[8]: In Toronto werden 30 neue Fälle der SARS-Krankheit festgestellt, deren Erreger vermutlich infolge des Verzehrs wildlebender Zibetkatzen die Artengrenze übersprang.

[10](27.05.03): Vier weitere Patienten in Taipeh erlagen der Lungenkrankheit SARS.

[16](28.05.03): Russland meldet den ersten SARS-Fall an der chinesischen Grenze.

[24](30.05.03): In Toronto befinden sich aufgrund des erneuten Ausbruchs der SARS-Seuche mittlerweile mehr als 7000 Kanadier in Quarantäne.

[36](20.06.03): Nach einer Studie der London School of Hygiene and Tropical Medicine beschleunigt die unkontrollierte Verteilung anti-retroviraler AIDS-Medikamente in nicht-industrialisierten Staaten Asiens oder Afrikas, die zu den Hauptbetroffenen der AIDS-Pandemie zählen, die Herausbildung neuartiger resistenter HIV-Stämme. So werden die Medikamente in Monotherapien eingesetzt, ohne die übrigen Bestandteile des Chemie-Cocktails, oder die Medikation wechselt häufig, je nach Verfügbarkeit der Drogen, oder sie wird zur falschen Zeit abgebrochen, wenn die Betroffenen sie sich nicht mehr leisten können, oder die Medikamente werden in völlig falschen Dosierungen eingesetzt. Insgesamt werden dadurch Bedingungen geschaffen, die es dem Erreger erleichtern Resistenzen auszubilden, um dann auf die „entwickelte“ Welt zurückzuschlagen.

There's a lot of amusement, - in the developed world. Enjoy!

KATASTROPHEN

[1](26.05.03): 75 Menschen, 62 spanische Blauhelme und 13 Mann der ukrainischen Besatzung, sterben beim Absturz einer YAK-42 über der Türkei während ihrer Rückkehr aus Afghanistan.
[7]: In der vergangenen Woche starben bei einem Erdbeben in Algier 2251 Algerier. Vor allem jüngere Bauten brachen aufgrund fehlerhafter Zementmischungen zusammen.

[11](27.05.03): Bei einem Erdbeben der Stärke 7.0 auf der Richter-Skala, gefolgt von 200 kleineren Nachbeben, werden in Japan 100 Menschen verletzt. Die Sachschäden halten sich in Grenzen.
[12]: Ein neues Erdbeben der Stärke 5.8 erschüttert Algerien, dabei sind drei Menschen getötet und weitere 200 verletzt worden.
[13]: Eine Hitzewelle hat im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh und weiten Teilen Nordindiens bisher 1285 Opfer gefordert.

[17](28.05.03): Während der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Everest-Erstbesteigung kommt es zu einem Helikopter-Absturz, in dessen Folge zwei Nepalis getötet und 6 verletzt werden.

[22](29.05.03): Nach dem vierten Erdbeben innerhalb einer Woche entvölkert sich die algerische Hauptstadt.

[29](09.06.03): In Deutschland kommen in der Folge der ersten mittelschweren Unwetter dieses Sommers mindestens 12 Menschen zu Tode, viele weitere werden verletzt, unter Anderem beim "Karneval der Kulturen" in Berlin.

[31](12.06.03): Bei einem Zugunglück in der Nähe von Schwäbisch-Hall starben eine Mutter und ihre drei Kinder, - der Vater überlebt schwerverletzt. Auch die zwei Lokführer kamen bei dem Unglück ums Leben.

[35](20.06.03): Beim Untergang eines Flüchtlingsschiffes vor der tunesischen Küste sterben mindestens 220 Menschen, 41 wurden gerettet. Dies war der zweite Vorfall dieser Art innerhalb einer Woche. Bereits am vergangenen Wochenende war ein Flüchtlingsschiff vor Lampedusa gesunken. Nur drei Passagiere von 70 konnten gerettet werden.

[37](21.06.03): Alle Jahre wieder explodiert in Nigeria eine Öl-Pipeline beim illegalen Abzapfen von Benzin. Dieses Mal kamen 105 Menschen ums Leben, als vermutlich der Funke eines Motorrads übersprang. Die Pipeline war bereits mehrere Wochen offen, bis es dann am Donnerstag zu dem Unglück kam. Nigeria ist Afrikas Hauptölexportland, doch gerade die ärmeren Schichten können es sich nicht leisten und sind gezwungen es zu stehlen.

[41](30.06.03): Eine algerische Militärmaschine stürzt in ein Wohngebiet und tötet 17 Menschen: Frauen, Kinder und die Besatzung.
[42]: Im Irak explodiert ein Munitionslager und tötet 25 Irakis.

[47](02.07.03): Nahe der indischen Stadt Warangal entgleist der Golconda Express, dabei sterben vermutlich mindestens 20 Menschen, weitere 15 Menschen wurden verletzt und ins naheliegende MGM Hospital von Warangal verbracht. Die Zugmaschine und zwei Waggons stürzten von einer Brücke und begruben eine Auto-Riksha unter sich.

[54](05.07.03): Bei der Explosion eines Tankfahrzeugs in Ankara werden 189 Menschen verletzt. Es kam zu einer ganzen Kette von Explosionen, die mehrere Häuser in der Umgebung der Tankstelle in Brand setzten. Viele der Verletzten waren Teilnehmer an einer türkischen Hochzeitsgesellschaft.

[55](06.07.03): Bei einem Schlagwetter in der Inneren Mongolei werden 22 chínesische Bergarbeiter getötet und sechs weitere verletzt. In der Yakeshi Mine eingeschlossen sind noch 40 Bergarbeiter.

[58](08.07.03): Die zwei iranischen Zwillinge, Lalan und Laleh, sterben infolge des schweren Blutverlustes während des mehrtägigen operativen Eingriffs, die miteinander verbunden Hirne zu trennen.
[59]: Eine sudanesische Verkehrsmaschine mit 104 Passagieren und 11 Besatzungsmitgliedern stürzt beim Flug von Port Sudan nach Karthoum ab. Ein zweijähriges Kind überlebt den Absturz.

[60](09.07.03): In den vom Monsun angewachsenen Fluten des Meghna versinkt des Nachts eine Fähre mit bis zu tausend Menschen an Bord. Gerettet werden konnten bisher 200 Menschen, viele weitere gelten als vermisst darunter viele Frauen und Kinder. Es ist das schlimmste Schiffsunglück in der Geschichte Bangladeshs.

[63](13.07.03): Infolge der Überschwemmung des Brahmaputras im indischen Bundesstaat Assam kommen in den letzten zwei Wochen ungefähr 200 Menschen ums Leben, weitere 500.000 in Assam und Bangladesh befinden sich auf der Flucht vor den Monsunfluten.
[66]: Ein Verkehrsbus im indischen Teil Kashmirs stürzt in eine tiefe Schlucht, dabei sterben 25 Menschen 24 weitere können gerettet werden.

Counter Ignorance

31.05.2003

Kennt ihr den?
Den neusten Wolfowitz in der "Vanity Fair", der „schönen Nichtigkeit“?
Dem Sinn nach zitiert und zwischen den Zeilen weitergeflochten:
„Also das mit Saddams weltbedrohender Ansammlung von Massenvernichtungswaffen, das war nicht so gemeint, das haben wir nur gebraucht, um unsere eigenen Kongressbürokraten zu belügen. Und natürlich konnten wir so nebenbei die UNO an der Nase herumführen. Und Blair und Powell (wenn sie nicht eingeweiht waren) sind ja irgendwie auch darauf hereingefallen.“
„Nein, wisst ihr, wir brauchten da einen neuen Flugzeugträger in der Region des Mittleren Ostens. Einen neuen Flugzeugträger, Irak geheißen, der immerhin auf den zweitmächtigsten Erdölvorkommen der Welt schwimmt, so richtig schön fett mitten drin in der Region. Der alte, Saudi-Arabien, hat uns nicht mehr so gepasst. Er entsprach nicht mehr unseren neuen, gewachsenen! Weltmachtansprüchen. Außerdem gab es da einige Probleme, ihr wisst schon: Mekka, Medina, - schwieriges Pflaster da unten. Und wie ihr seht, können wir uns jetzt ganz elegant den Iran und Syrien vornehmen. Das sind jetzt schon fast angrenzende amerikanische Bundesstaaten in spe. “

Es war eine eiskalte Demonstration der Macht.

„Seht her, ihr hattet recht, wir hätten den Krieg so oder so geführt. War alles nur nettes Beiwerk: Waffen-Inspektionen, Resolution 1441, weltweite Friedensdemonstrationen, Menschenrechte, Völkerrecht, Präventivkriegsdoktrin etc. Völlig egal. Uns hätte sowieso nichts und niemand aufhalten können.
Wir wollten den Regimewechsel um jeden Ölpreis.
Denn er bedeutete uns die unumschränkte Macht in der Region.
Und Rumsfeld dementiert. Umgehend. (Nach der Redaktion vorliegenden Geheimdienstkassibern soll er danach Tränen gelacht haben. )
Nein, ein Ausrutscher war das nicht, was Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz da von sich gab. Es war das wohlfeile Eingeständnis, dass die amerikanischen Argumentationsstränge des Frühjahrs, die darauf abzielten eine Koalition der Hilfswilligen zu formieren, auf Lügen, Fälschungen und Übertreibungen basierten. Derweil die wahren Kriegsgründe unter vorgehaltener Hand in den Zirkeln der NeoCons kursierten. Kein Wunder das Wolfowitz’ Verlautbarungen in der globalen Presselandschaft einschlugen wie eine MOAB. Die New York Times fühlt sich an „Wag the dog“ erinnert, und die britische Presse beginnt zu kochen von rechts bis links.
Kommt einem doch jetzt im Nachhinein alles wie ein grandioses Schmierentheater vor. Der Schlussakkord hinter einen erstklassig vorbereiteten militärischen Coup, - einer geradezu „bestechenden“ bellizistischen Performance. Aber einige werden nicht lachen, weil sie dazu nicht mehr in der Lage sind. Weil sie tot oder verstümmelt sind. Und deren Familien, völlig egal ob amerikanische, irakische, britische oder die der arabischen Freiwilligen, werden sicher genausowenig lachen.
Ferner werden sich einige betrogen vorkommen, z. B. Hans Blix, Baradai und die übrigen Waffeninspektoren. Und einige weitere mehr, die sich in letzter Sekunde noch um eine Friedenslösung bemühten.
Wie hieß es noch gleich, als die zweite Resolution, die endgültig kriegslegitimierende, die das ultimative Feigenblatt für den Bruch des Völkerrechts sein sollte, aufgrund des Veto Frankreichs scheiterte? Die UNO wäre eine absterbende, überlebte Institution, die ihre Unfähigkeit bewiesen hätte, auf die neuartige weltweite Bedrohung durch Terroristen zu reagieren. Der UNO, der man dann, als alles vorbei war, gnädig und von oben herab eine „vitale Rolle“ in der Nachkriegsordnung zubilligte und das Recht den Besatzerstatut nach 12 Monaten zu hinterfragen, bei bekannten Machtkonstellationen, die sich auch in einem Jahr nicht geändert haben werden. Es mag sein, dass der Irak-Krieg die Türen zum Frieden in Nahost aufgestoßen hat. Mit Sicherheit trifft es zu, dass um Saddams Terrorregime keine Träne zu vergießen ist. Aber das war doch bereits ohne Wolfowitz’ Vanity Fair Geplauder klar. Mit dem Eingeständnis ihrer versuchten Manipulation der Weltmeinung ist deshalb den Amerikanern ein Kardinalfehler unterlaufen, vor dem bereits Marie v. Ebner-Eschenbach warnte:
„Siege, aber triumphiere nicht!“
Denn so schnell wird ihnen niemand mehr glauben, wenn sie ihre abstrusen Bedrohungsszenarien herbeifabulieren. Sicher, es gibt nach wie vor vernichtende Terroranschläge, aber sie treffen vorwiegend Menschen in den Entwicklungsländern und werden mit herkömmlichen Sprengstoffen und billigen Waffen durchgeführt. Wenn sich darüber hinaus, wie es scheint, al Qaida in viele kleine Einzelzellen aufgespalten hat, ist es umso unwahrscheinlicher, dass von diesen Gruppen die Logistik für großangelegte nukleare oder biologische Attentatsserien bereitgestellt werden kann.
Nein, so schnell wird ihnen ihre Schmierenkomödien keiner mehr glauben. Mit einer Ausnahme (wenn man mal von Tony Blair absieht): Die eigene Bevölkerung glaubt der Bush-Administration alles, den Umfragen nach sogar, dass Saddam verantwortlich war für den 11. September und das sein imaginäres militärisches Schreckenspotential bereits gefunden und vernichtet wurde. Das ist das eigentlich Verrückte an der Geschichte des bisherigen Jahres. Wie kann es sein, dass ein Volk, das so unumschränkt die Welt beherrscht wie die Amerikaner, so wenig weiß, was in dieser Welt wirklich vorgeht.
Mit den Russen wollen sie sich versöhnen, die Franzosen wollen sie bestrafen, und die Deutschen ignorieren, weil diese Regierungen im praktizierten Welttheater den Gegenpart übernahmen. Und was soll der magere Rest der Welt mit den Amerikanern tun?
Sie informieren!
Man sollte dies nicht den NeoCons um Rumsfeld und Wolfowitz überlassen, sonst wimmelt es bald vor amerikanischen Kontinentalflugzeugträgern auf diesem zu kleinen Planeten. Aber Freiheit und Demokratie, stichwort: Total Information Awareness (TIA), wird es dann auch im amerikanischen Mutterland nicht mehr geben.


Walls of Jericho

[J.Frietsch]


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